Stern liest Schmidt liest Proust II

Zu spät. Ich lese das Buch zu spät. Zumindest, um ganz ohne Meta-Ebene einzutauchen, das eigene Leben im fremden Buch zu finden, so wie Jochen Schmidt das mit Proust macht, so wie ich es gerne und sorglos mit allen Büchern unternehme – Gott sei Dank bin ich kein Literaturwissenschaftler – aber in diesem Buch kann es mir nicht gelingen.

Wie schwer es ist, sich zum ersten Mal mit einer Frau zu unterhalten, die man noch nicht gegooglet hat. […] Man müsste eben Handouts tauschen, auf denen die wichtigsten Angaben über einen stehen. Man muss ja wissen, wie tief man sich hinunterbeugen oder wie sehr auf die Zehenspitzen stellen muss. […] [Man muss] sich in atavistischen Kommunikationsformen üben, zum Beispiel ihren Gesichtsausdruck deuten. Aber: „Der gleiche physiognomische Ausdruck ließ verschiedene Deutungen zu; ich zögerte wie ein Schüler bei einer Übersetzung aus dem Griechischen.“ Und noch schwerer ist es ja, den eigenen Gesichtsausdruck zu kontrollieren, das ist nämlich, als würde man seine Gedanken ins Griechische übersetzen.

Einschätzung nach 139 gelesenen Seiten: Die tagebuchartigen Blogeinträge sind angenehm zu lesen, durch das Proust-Exzerpt muss ich mich dank Unkenntnis durchkämpfen. Tagebuch und exzerpt verschwimmen jedoch zunehmend. Ob er die starre Trennung bis zum Ende durchhält? Ich könnte vorblättern. Später vielleicht.