Schlingensief: So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!

Ich fröhne einer meiner liebsten Leidenschaften. In ein Café gehen, einen Kaffee bestellen und ein Buch lesen. Ablenkung droht gewöhnlich nur von den Gesprächen an den Nachbartischen, der Expressomaschine oder der eingelegten CD. Da sich die Kellner für Coldplay entschieden haben – welch schöne, naive Vorstellung –, kann ich die Hintergrundmusik zu meinem Buch gut ignorieren.

Das Schlingensief-Buch „So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein“ trägt den Untertitel „Tagebuch einer Krebserkrankung“. Derart hat man sich auch den Text vorzustellen, der zwischen lebens-, arbeits-, aktionsbejahenden Passagen, in denen er sich auch wieder an Beuys abarbeitet „Alles, was nicht gebraucht wird, leidet. Alles, was statisch ist, leidet.“, und totaler Resignation und Selbstmordabsichten (die angeblich nur deshalb nicht Realität werden, weil es ihm an einer Pistole mangelt) hin und her pendelt. Natürlich bestimmt durch den Rhythmus der Diagnosen, Chematherapie-Behandlungen, Bemühungen, die Hilfe und Aufopferung seiner Freundin („Ich habe bis jetzt immer gedacht, ich müsse etwas durchmachen, diese Sache hier sei eine Prüfung für mich. In Wahrheit muss ich mich mal fragen, ob es nicht Aino ist, die hier eine Prüfung macht.“).

Schlingensief ist Regisseur, kein Schriftsteller. Er erlaubt sich nur wenige Kunstgriffe, wie den, kurz vor der entscheidenden CT-Untersuchung, in der sich zeigen wird, ob die Tabletten das Wachsen der Metastasen in seiner verbliebenen Lungenhälfte unterbinden, die Aufzeichnungen abzubrechen. Natürlich kann es auch sein, dass Schlingensief aufgehört hat, in sein Diktiergerät zu sprechen, auch in den Monaten davor gab es längere Pausen. Aber da die Aufzeichnungen, das liest man deutlich heraus, nicht für den Privatgebrauch bestimmt waren sondern Veröffentlichung, wenigstens aber Verarbeitung schreien, lässt sich zwischen den Wirkungen des Werkes des Künstlers Schlingensief und dem Handeln und Tagebuchschreiben des Patienten Schlingensief ohnehin nicht sauber trennen.

Beabsichtigt oder nicht – die düstere Stimmung überwiegt, selbst in den Phasen des Aufbruchs, des Sich-wieder-im-Leben-Einrichtens. Auch, weil die Chancen auf die anfangs fest eingeplanten 35 noch zu feiernden Weihnachten immer schlechter werden. Das bedrückt.

Quotes:

Auf einmal geht die Tür auf und die verwirrte Frau kommt rein. Ich frage: „Hallo, wen suchen Sie denn?“ Und dann wiederholt sie immer wieder einen Namen: „Herr Decker, Herr Decker, Herr Decker.“ Ich sage ihr: „Herr Deckerist nicht hier.“ In dem Moment taucht die Putzfrau hinter ihr auf, jagt ins Bild, zeigt auf den Boden und sagt: „Ach du Scheiße, Kacke!“
Da hatte diese Frau mir vor die Tür geschissen. Ich habe einen solchen Lachanfall bekommen, wie ich ihn mir gestern niemals hätte erträumen können.“

Dabei ist natürlich klar, was für ein Luxus diese Behandlung ist: Die Tabletten, die ich nehme, kosten im Jahr 30.000 Euro, das kann sich nun wirklich niemand in der Dritten Welt leisten, die Leute dort wissen nicht einmal, dass es sie gibt. Dass man hier alles Geld zusammengrapscht, damit man irgendwie noch ein bisschen weiterlebt, ist eigentlich pervers. So toll und wichtig bin ich nicht. Und trotzdem gehe ich natürlich von meinem eigenen kleinen Leben aus, das ich so gerne noch gelebt hätte. Wenn ich mir die Erde aus dem Flugzeug angucke, oder wenn ich in einem Buchladen in Büchern über fremde Länder blättere, dann rollen schon die Tränen.“

Man kann dem Buch natürlich noch viel mehr entnehmen: Die Auseinandersetzung mit Gott, gespiegelt im Ringen um die Johanna-Inszenierung, die harsche Kritik am im Alter erblindeten und depressiven Vater, die mit wachsender Leidensdauer einem Verständnis, zumindest einem Nachvollziehen weicht, den Lernprozess, die „kleinen Dinge des Lebens zu genießen.“

@ alle: Wem darf ich das Buch zur Lektüre ausleihen, mit dem Ziel eines anschließenden Gedankenaustauschs?

@ Germanisten in Tübingen/Berlin Ost, Freiburg und Berlin Elite-Uni: Ist das oben Genannte überhaupt so formulierbar/gültig?


1 Antwort auf “Schlingensief: So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!”


  1. 1 marinasala 21. August 2010 um 22:48 Uhr

    Ziemlich getroffen von dieser Nachricht. Sein Buch habe ich nicht gelesen. Allerdings hab eich seine Arbeit verfolgt. Mit 49 so zu sterben – an Lungenkrebs als Nichtraucher! – ist ein hartes Schicksal und zu früh.

    Aber wer von uns anderen weiß schon, woran und wann er sterben wird? Heute scheint man noch zu leben, am nächsten Tag schon bricht der Körper zusammen.

    Ich fand ihn ungeheuer menschlich. Frieden seiner Seele und ein Gebet.

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