Archiv für Oktober 2010

Tolstoi lesen II

Am Freitag das letzte Konzert von Virginia Jetzt! im Admiralspalast Berlin. Es soll das allerletzte sein, danach wolle man wieder Schränke bauen, Bands managen, das Literaturstudium beenden, Platten auflegen. Ein Zusammenschnitt verschiedener Bandankündigungen in Fernseh-Shows („aus der Pampa“) erinnert an erfolgreiche Jahre. Ein Streicherensemble vom Band spielt Eleanor Rigby. Dann arbeiten sich Virginia Jetzt! chronologisch (!) durch ihr Werk, die Publikumsstimung ist eher bedrückt als ausgelassen und am Ende ist unklar, ob die Auflösung der Band mehr schmerzt als die Erinnerung an eine eigene Jugendzeit, deren Ende sich niemand eingestehen mag. VJ! leisteten einen erheblichen Beitrag zum Soundtrack der letzten Schuljahre und meinem Studienbeginn, zum Evergreen „Von Guten Eltern“ fuhr ich in meinem ersten Auto – die rechte Hand auf dem Oberschenkel meiner Freundin – über Bornholmer Landstraßen und das kopierte Cover des ersten VJ!-Albums brachte mir im Gegenzug ein phantastische Doppel-Mixed-Tape ein, dessen Songfolge ich noch heute auswendig aufsagen kann.

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Teil 1, I-III

Ich frage mich, ob es mir gelingen wird, eine adäquate Form zu findent, das Gelesene und die Erfahrungen damit zu sortieren.

Das Werk beginnt 1805. Mein Wissen über die russische Geschichte ist begrenzt, ich werde mir manches anlesen müssen. Es ist die Zeit vor Jena und Auerstedt und natürlich des Russlandfeldzugs Napoleons 1812. Darauf wird es wohl hinauslaufen.

In Russland herrscht Sophie Dorothee von Württemberg, in Russland unter dem Namen Zarin Maria Fjodorowna bekannt. Deren Vertraute Anna Pawlowna Scherer richtet eine Soiree aus, zu welcher der Fürst Wassili (zu früh) mit seiner Tochter, Prinzessin Hélène, ein Abbé und ein Pierre sowie der Vicomte de Mortemart erscheinen. Noch weiß man freilich nicht, auf wen es in der Folge ankommen wird, daher werde ich an Details zu den einzelnen Personen sparen. Generelle Tendenz: Anekdoten über Napoleon sind erwünscht. Fachgespräche über die Bedingungen von Krieg und Frieden nicht. Ein Kauz, wer sich hierüber wundert.

Französisch lernen mit Krieg und Frieden: Cette fameuse neutralité prussienne, ce n‘est qu‘un piège – Diese berühmt preußische Neutralität ist nur eine Falle.

Tolstoi lesen

Frustshoppen sagt wohl der Volksmund dazu. Nach der verbaselten Hausarbeit gab es bei Zara Ahnsehnliches erst ab 100,00 €. Neben Zara ist Dussmann. Welch ein Glück.

In der Taschenbuchabteilung im Erdgeschoss beginnt die Buchreihe bei Z. Von Juli Zeh findet man genug für die nächsten zwei Jahre. Vargas Llosa steht auch nicht weit. Die Nachlese eines aktuellen Nobelpreisträgers steht jedem Bildungsbürger gut zu Gesicht. Doch Lateinamerika liegt mir derzeit fern.

Etwas weiter links sogar Volker Strübing im Taschenbuch.

Dazwischen jedoch, in vier Ausgaben: Tolstoi. Krieg und Frieden. Ein Projekt. Ich liebe Projekte.

In einem Band die (im Vergleich zur späteren Fassung etwa halb so umfangreiche) sog. „Urfassung“ in aktueller Übersetzung und lesbarem Schriftbild. Die Urfassung ist aber eigentlich eine zusammengeschusterte Zwischenfassung. Wer will das lesen?

Die richtige Version gibt es in zwei bis vier Bänden, eine Übersetzung reicht sogar bis in die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts zurück. Andere sind aus den 50er Jahren. Ich nehme an, dass die anachronistischen Formulierungen das Lesevergnügen trüben würden und entscheide mich für die aktuelle Übersetzung von Barbara Conrad-Lütt, erschienen im September 2010 zum Preis eines kleinen Einfamilienhauses.