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Marter; Der Körper der Verurteilten S. 9-18

Den letzten gemeinsamen Abend bei Angelika Express im Magnet verbracht.

Geh doch nach Berlin
Wohin deine Freunde zieh‘n
Geh doch nach Berlin
(geschrien:) Hau‘ doch ab – nach Berlin

Wie sinnig und wie wenig zutreffend.

Der Kopf der Band, die es erst seit 2008 wieder gibt, kann grandios E-Gitarre spielen. Wir hatten bereits vor vielen Jahren im Roten Salon angenommen, dass er etwas zu kompensieren hat. Am Bass nun eine Punkrock-Schnecke, die auch im Racing Team eine gute Figur machen würde. Tante Angelika hat keine Merchandising-Produkte oder gar CDs mitgebracht, dabei hätte ein T-Shirt noch Platz gefunden in der Reisetasche.

Am nächsten Morgen mit Reisetasche, Gitarre und Handgepäck, zusammen über 30 kg, zum Flughafen gefahren; trauriger Abschied.

In Moskau musste ich eine knappe Stunde in der Marschrutka warten, weil sie einfach nicht voll werden wollte, da immer wieder bereits im Wagen befindliche Reisende die Geduld verloren. Um sich die weitere Plackerei zum Wohnheim vorstellen zu können, muss man wissen, dass Moskau eine Zumutung für Gehbehinderte ist, zu denen man mit drei Gepäckstücken zweifelsohne gehört. Treppauf, treppab, in die Metro gedrängt, alle 100 Meter abgesetzt, verpustet, aufgesetzt und Ziele bestimmt, bis zu denen man sich und die Taschen schleppen will.

Freundlichst (!) im Wohnheim aufgenommen worden, erster Zimmerparty mit Tanz und Musik beigewohnt. Erstes russisches Bier (Baltika 3) getrunken. Am Morgen bin ich mit Rücken- und Nackenschmerzen aufgewacht. Ob wegen des Gepäcks oder wegen der Matratze, wird sich in den nächsten Wochen zeigen.

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Foucault beginnt „Überwachen und Strafen“ mit der sehr unappetitlichen, detaillierten Nacherzählung der Vollstreckung einer Todesstrafe durch Vierteilung aus dem Jahr 1757. Schroff stellt er eine ebenso detaillierte Anordnung des Tagesablaufs in einem Gefängnis aus dem Jahre 1838 dagegen.

Art. 24. Um vier Uhr verlassen die Häftlinge die Werkstätten und begeben sich in den Hof, wo sie sich die Hände waschen und zu Abteilungen für den Speisesall formieren.

In den Jahren dazwischen kam es zur Revolution in der Strafjustiz. „Neue Gesetzbücher, neue Theorien von Gesetz und Verbrechen, neue moralische und politische Rechtfertigungen des Rechts zum Strafen.“ Strafende Repression richtet sich nicht mehr gegen den Körper.

Dabei sind zwei parallele Entwicklungen zu erkennen. Einerseits verschwindet das „Strafschauspiel“: die öffentliche Abbitte, der Pranger, die öffentlichen Arbeiten von Zuchthäuslern mit den aus Trickfilmen bekannten Kugeln an den Füßen, das öffentliche Bestrafen, das im letzten Moment beim Zuschauer Mitleid mit dem Verurteilten erregt.

Da Strafe offenbar notwendig, Bestrafen aber unrühmlich ist, wird der Vollzug der Strafe nunmehr von einem Verwaltungsapparta übernommen. (es ist sicher richtig, wohl aber keine neue Tendenz; auch Richter und Henker waren nicht in einer Person vereint.)

Die andere Tendenz ist die „Lockerung des Zugriffs auf den Körper“; die peinliche Strafe wird durch eine „Ökonomie der suspendierten Rechte“ ersetzt. An die Stelle des Scharfrichters treten: Aufseher, Ärzte, Priester, Psychiater, Psychologen, Erzieher. Alle im Dienste des schmerzfreien Leidens.

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neu gewonnenes Eigentum:
- Bratpfanne mit Deckel
- Holzlöffel und Holzgabel für die Pfanne
- Sektglas
- Schnapsglas
- Schwamm
- eine halbe Tüte Salz
- Wasserkocher
- Brettchen
- tiefer Teller
- Kochtopf

dinge, die ich noch gebrauchen könnte:
- Wasserfilter
- Hausschuhe

Stern liest Focault – Vorworte

Ein halbes Jahr in Moskau gehört dokumentiert. Um meine geliebte Internet-Heimstatt nicht in ein Kuriositätenkabinett zu verwandeln, habe ich mir einen anderen Zugang überlegt. Die Einträge der nächsten 80 Tage stehen unter dem Motto:

Stern liest Focault wegen Schmidt liest Proust und Feitscher las Focault.

Jeden zweiten Tag lese ich 10 Seiten aus dem Strafrechtsbelehrbuch für angehende Nichtjuristen „Überwachen und Strafen“ von Michel Foucault und lasse euch am Erkenntnisprozess teilhaben. Nebenher gibt es Ausblicke aus meinem Moskauer Wohnheimfenster.

Ich wünsche mir und euch viel Vergnügen.