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Stern liest Schmidt liest Proust II

Zu spät. Ich lese das Buch zu spät. Zumindest, um ganz ohne Meta-Ebene einzutauchen, das eigene Leben im fremden Buch zu finden, so wie Jochen Schmidt das mit Proust macht, so wie ich es gerne und sorglos mit allen Büchern unternehme – Gott sei Dank bin ich kein Literaturwissenschaftler – aber in diesem Buch kann es mir nicht gelingen.

Wie schwer es ist, sich zum ersten Mal mit einer Frau zu unterhalten, die man noch nicht gegooglet hat. […] Man müsste eben Handouts tauschen, auf denen die wichtigsten Angaben über einen stehen. Man muss ja wissen, wie tief man sich hinunterbeugen oder wie sehr auf die Zehenspitzen stellen muss. […] [Man muss] sich in atavistischen Kommunikationsformen üben, zum Beispiel ihren Gesichtsausdruck deuten. Aber: „Der gleiche physiognomische Ausdruck ließ verschiedene Deutungen zu; ich zögerte wie ein Schüler bei einer Übersetzung aus dem Griechischen.“ Und noch schwerer ist es ja, den eigenen Gesichtsausdruck zu kontrollieren, das ist nämlich, als würde man seine Gedanken ins Griechische übersetzen.

Einschätzung nach 139 gelesenen Seiten: Die tagebuchartigen Blogeinträge sind angenehm zu lesen, durch das Proust-Exzerpt muss ich mich dank Unkenntnis durchkämpfen. Tagebuch und exzerpt verschwimmen jedoch zunehmend. Ob er die starre Trennung bis zum Ende durchhält? Ich könnte vorblättern. Später vielleicht.

Jetzt also doch: Stern liest Schmidt liest Proust

Das Buch hat eine hohe „Ich muss dir mal eine schöne Stelle vorlesen“-Dichte, ganz abgesehen von Schmidts Exzerpt von Marcel Proust „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, von dem ich nicht einmal die Hälfte verstehe, weil es die für Schmidt wichtigsten Stellen eines mir gänzlich unbekannten Buches sind. Ich werde bei Gelegenheit also Schmidt zitieren. Wer Proust zitiert haben will, lese Proust. Oder Schmidt.

cover Schmidt liest Proust

12.8., Berlin, Seelower:[hier steht eigentlich noch das Wetter, lassen wir das aber]
Marcel will ihm schildern, warum er früher Literat werden wolle:

[V]or Erregung zitternd, litt ich bei der Vorstellung, dass nicht jedes meiner Worte ein möglichst genaues Äquivalent dessen sein, was ich gefühlt, doch nie zu formulieren versucht hate; daraus ergab sich natürlich, dass meine Rede ganz und gar unklar blieb.

Die Tragik der mit einem reichen Innenleben Ausgestatteten, sie stehen im Gespräch immer als Idioten da, nur weil sie sich nicht unter ihrem Niveau ausdrücken wollen. Entweder, man liest nur noch ab, was man schriftlich vorformuliert hat, oder man schweigt. Gut reden können doch nur die, denen ihre Gedankengänge nicht ständig die Sätze verkomplizieren.

23.8., Alt-Lipchen: Die flüchtige Begegnung mit einer Fremden, die man nie wiedersehen wird. Wie schön, wenn man noch jung ist und sie als Versprechen empfindet und nicht wie Menschen in meinem Alter als Symbol aller im Leben verpassten Möglichkeiten.